Ötztaler Radmarathon

Aufgrund meines hochmotivierten Triathlonvereinskollegen sind wir schon um 5.00 Uhr bei stockfinsterer Nacht an der Startlinie gestanden. In der dritten Reihe, bevor die Absperrungen montiert wurden. Ich hab mir ehrfürchtig die Leute um mich rum angeschaut, immer in der Vorstellung, dass das Fahrer sind, die den Ötztaler unter 8 Std bewältigen. Nachdem wir ja ziemlich lange nebeneinander gestanden sind, haben sich aber doch sehr interessante Gespräche entwickelt. So hab ich auch erfahren, dass man dem allgemeinen Startgedränge entgeht, wenn man so weit an der Spitze steht. Dann nach über 2 Stunden endlich der Startschuss und wir sind losgefahren, als wenn es nur eine Stunde um einen Kriteriumskurs gehen würde. Aber trotzdem, dass wir so weit vorn im Feld waren, mussten wir schon zweimal verunglückten Fahrern ausweichen. In Ötz ein kurzer Blick auf den Tacho, 50er Schnitt, das ist ja schon mal eine gute Basis hab ich mir gedacht. Beim ersten flacheren Stück im Anstieg zum Kühtai hab ich meine Weste ausgezogen. Freihändig fahrend hab ich dabei einen Fahrer neben mir touchiert, der auch gleich gemault hat. In einer großen Gruppe ging es zügig zum Passübergang hinauf, wir hatten ja alle noch Kraft. Oben wieder ein Blick auf den Tacho, 31er Schnitt, läuft gut, denk ich mir. An der Labestation hab ich mir ein bisschen Laugengebäck mitgenommen und bin gleich weiter. Die Abfahrt hat richtig Spaß gemacht, das kann ich auch ganz gut, zumindest hat mich da keiner mehr überholt. Plötzlich tut sich eine steile Passage auf ( ich bin diesen Pass ja noch nie gefahren ) und ich denk mir sofort, das ist die Chance mal eine dreistellige Geschwindigkeit zu erreichen. Also angetreten und sofort ganz klein aufs Rad gekauert und laufen lassen. Die linke Spur war völlig frei. Hinterher wieder der Blick auf den Tacho und was seh ich: 110.41 km/Std max. Danach hatte ich einen regelrechten Höhenflug aufgrund der Glücksgefühle, endlich mal eine Marke gesetzt zu haben, die ich schon jahrelang anpeile. So ging es dann in einer großen Gruppe rein nach Innsbruck und rauf zum Brenner. Dieser Pass ist nicht steil und kann relativ flott gefahren werden. Auf halber Höhe überholt uns dann ein Fatbiker mit E-Antrieb. War irgendwie kurios, wie ein Fahrer mit so einem klobigen Rad zügig an 50 Rennradlern vorbei fährt. Schallendes Gelächter hat er zumindest ausgelöst. Auf Passhöhe haben wir ein Halbzeitschild passiert, ich schau sofort auf meine Uhr und stell fest, ich bin erst 3:50 Std unterwegs, also theoretisch noch auf 8 Std Kurs. An der Labestation Brenner hab ich mir mehr Zeit gelassen und ziemlich was gegessen, außerdem eine Salztablette geschluckt, da es langsam heiß wurde. Anschließend ging's wieder runter bis zum Anstieg zum Jaufenpass. Von etwa 700m rauf auf 2100m und konstant mit 10 bis 12%. Nicht ein flaches Stück dazwischen. Mit meiner 38/28 Übersetzung hab ich ganz schön beißen müssen. Ich hab immer wieder den Impuls zum Runterschalten unterdrücken müssen, weil ich schon am Ende des Ritzelpakets war. Dann in einer Kehre der Supergau. Der Fahrer neben mir fährt über einen verlorenen Gelbeutel, der daraufhin mit einem Knall platzt. Und die ganze klebrige Pampe trifft mich an der rechten Seite. Zuerst hab ich die Schweinerei zwar gesehen, aber mir nicht viel dabei gedacht. Aber dann fingen meine Kniekehlen zum kleben an, meine Trinkflaschen ließen sich kaum noch aus den Haltern ziehen. An der Labestation Jaufenpass hab ich das angebotene Wasser erst mal zum Reinigen verwendet. Dann aber wieder kräftig verpflegt um mich ja nicht leer zu fahren, sowie wieder das salzige Laugengebäck eingesteckt für unterwegs. Unmittelbar nach der Abfahrt bis auf wiederum 700 m ü NN beginnt der Anstieg zum Timmelsjoch und der Jaufenpass hat meine Beine schon ziemlich ausgelaugt. Nachdem jetzt ungefähr 1800 hm zu bewältigen waren, wurde es mir schon etwas mulmig. Monoton sind wir, ohne was zu Reden mit 8 bis 10 km/Std bergauf gefahren. Ich war heilfroh, dass die nächste Labestation schon auf halber Höhe aufgebaut war. Schon allein weil es mir nach Pause war. Danach ging's wieder etwas besser, aber meine Übersetzung wird für mich immer schwerer zum treten. Inzwischen ist es auch ein guter Teil Willenssache durchzuhalten. Nach einer Kehre tut sich ein Blick zum Höhenkamm auf, der mich völlig demoralisiert und ich steige erst mal vom Rad. Ein Mitfahrer ruft sofort: "Steig wieder auf, es sind nur noch 3 Kehren!". Ich schau wieder nach oben, seh die drei Kehren, dann fällt mir ein, dass es am Timmelsjoch ja einen Tunnel gibt und man gar nicht mehr oben drüber muss. Also steig ich wieder auf und fahr weiter, in dem Bewusstsein, dass es jetzt bald ein Ende hat. Nach dem Tunnel liegt wieder ein Radfahrer auf der Straße, Sanitäter sind schon da. Nach einer kurzen Abfahrt, sind nochmal 200 hm Gegenanstieg zu bewältigen. "Halleluja, der letzt Anstieg!" ruft der Fahrer neben mir. Dann geht's nur noch bergab, bis nach Sölden. In Sölden ist sehr viel los. Alles mit Absperrungen abtrassiert und jede Menge Leute da, die einem zujubeln. Das erzeugt schon ein bisschen Gänsehaut. Die letzte Kurve, rein ins Ziel und das Leiden hat ein Ende. Ich war glücklich, 9:27 Endzeit, weit unter der Zehnstundenmarke , 9:08 reine Fahrtzeit, 110 km/Std Spitzengeschwindigkeit und gesund wieder im Ziel. Das war mehr, als ich erwartet hätte. Mein ambitionierter Mitfahrer war noch eine Stunde schneller.

Christian Ohantel

PS: Bilder sind erst nach der schriftlichen Genehmigung von Sportograph öffentlich verfügbar